Vruddhi Vata – vermehrtes Vata
Oder wie besänftige ich den König
Die Doshalehre im Ayurveda ist neben der 5-Elemente-Lehre das wichtigste Basisprinzip für ein Verständnis des Ayurveda. Unglücklicherweise werden die Doshas im übertragenen Sinne mit Bioenergien oder mit der altgriechischen Säftelehre von Galle, Schleim und Blut verglichen. Ein Dosha ist die Präsenz der 5 Elemente in der spezifischen Zusammensetzung und deren Wirkung auf den Organismus. Vata ist aus allen 5 Elementen zusammengesetzt, vornehmlich aus Akash (Räumlichkeit) und Vayu (Gasförmigkeit) Dies bedeutet nicht , dass z.B. Vata-Dosha eine substanzielle Form bestimmter Elemente ist. Vata, auch als Bewegungsprinzip gesehen, ist nicht ein Etwas, das bewegt. Bewegung ist eine Eigenschaft von Vata. Raum ist eine Grundvoraussetzung für Materie. Auch für Beweglichkeit ist Raum notwendig; wo kein Raum da keine Bewegung. Gasförmige Substanzen, wie auch Luft, sind leicht beweglich. Diese Tatsachen erklären auch die Vata-Eigenschaft der Mobilität. Wo immer Bewegung im menschlichen Körper stattfindet, Herzschlag, Ausscheidung, Übertragung von Sinnesreizen über Nervenbahnen usw., ist Vata – Dosha das wirkende Prinzip. Gelenke sind leicht beweglich, sofern ausreichend Raum im Gelenk vorhanden ist, verminderter Raum führt zu Unbeweglichkeit, zur Versteifung. Vermehrtes Vata bringt Substanzverlust, reduziert Kapha, welches dem Körper unter anderem Struktur verleiht. Substanzverlust vermehrt Akash, den Raum und führt im Übermaß zu Schwäche. Gelenke werden schwach und locker.
Gehen wir gedanklich vom Mikrokosmos, dem menschlichen Körper zum Makrokosmos, dem Universum, so bewegt sich der menschliche Organismus als Mikrokosmos im Makrokosmos. Wir bewegen uns durch den Raum. Da die Doshas unter anderem die Tendenz haben sich quantitativ zu vermehren, geschieht dies auch durch die Vermehrung einer ihrer Eigenschaften (Gunas), z.B. Mobilität. Also viel Bewegung erhöht Vata ebenso wie Trockenheit und Kälte um hier einige wesentliche Eigenschaften zu nennen. Vata Dosha hält alles im Fluss, in Bewegung, es ist „The King of Doshas“, die Lebensenergie Prana und ihre Subdoshas Udhana, Samana, Vyana und Apana.
Das heutige Leben ist für viele Menschen voller Hast und Eile. Ein Leben im Zeitalter der Kommunikation (Austausch von Informationen - Bewegung), Sinnesüberflutungen (Informationsfluss im Nervensystem) und einer stetig zunehmenden Mobilität. Diese alltäglichen Anforderungen unserer gegenwärtigen Lebensweise sind massiv Vata vermehrend. Vielen Menschen fehlen Ruhephasen, Zeiten der Selbstbetrachtung, ein gesundes Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung. Vata vermehrt sich aber auch jahreszeitlich bedingt, witterungsbedingt (kalt und windig), durch die Art der Nahrung und die Lebensweise. Die natürlichen Schwankungen im Tagesverlauf nicht zu vergessen. Die morgendliche Vata-Zeit von 4-7 Uhr und die Vata-Zeit am Nachmittag von 16-19 Uhr.
Ein Tagesablauf mit vielen Vata vermehrenden Umständen führt kurzfristig zu verschiedenen Vata bedingten Störungen, wie z.B. Schlafproblemen, Nervosität, Sorgen, Steifigkeit im Körper bis zu Erkrankungen wie Tinnitus, Dislokation von Gelenken und Protrusion von Bandscheiben.
Das Leben in den europäischen Metropolen, in denen rund um die Uhr ein rastloses Treiben herrscht, vermehrt Vata nur allzu häufig in bedenklicher Weise. Ich möchte an dieser Stelle gern einen Tagesablauf, wie ich ihn seit fast 20 Jahren immer wieder von meinen Patienten geschildert bekomme, beschreiben. Am eindruckvollsten, glaube ich, lässt sich das in einer Gegenüberstellung darstellen. Es ist dabei zu bedenken das die Flut von Sinneseindrücken denen wir gerade in einer Großstadt ausgesetzt sind, häufig noch im heimischen Bereich verstärkt werden. Den Arbeitsbereich habe ich bewusst ausgespart, da dieser häufig schwer oder gar nicht für den Einzelnen zu beeinflussen ist. Hier einige Bespiele:
Vata beruhigend
-Aufstehen in ruhiger Umgebung
-Ruhe bei der Körperpflege
-Meditation, Yoga
-Frühstück an einem ruhigen Ort
-In der Mittagspause sitzen und essen an
einem ruhigen Ort
-Entspannung, Meditation, Yoga
-Aufenthalt in der Natur
z.B. aufs Wasser schauen
Vata provozierend
-Durch Radiowecker geweckt werden
-Musik im Bad
-Frühstück im Auto oder der Bahn
-Zu spät gehetzt aufbrechen
-Einkäufe in der Mittagspause und beim
Gehen essen
-Tanzen gehen, Fernsehen, Disko,
Joggen, Fitnessstudio nach Feierabend
(in der Woche nach Arbeitstag)
Die oben erwähnten gesundheitlichen Störungen und Erkrankungen sind oft Folge des heutigen Lebensstils. Wir alle wissen jedoch, wie schwierig es häufig ist, einen Tagesablauf gesundheitsbewusst zu gestalten. In der rechten Tabelle sind schon etliche Hinweise auf einen Tagesablauf mit Vata beruhigender Gestaltung aufgeführt. Im Ayurveda finden wir zahlreiche Möglichkeiten, Vata Dosha nach einem Arbeitstag zu besänftigen. Eine ruhige häusliche Atmosphäre ohne permanente Medienberieselung ist eine Grundvoraussetzung, um das vom Tage vermehrte Vata zu reduzieren. Die wohl bekannteste Methode zur Selbstbehandlung ist die Ganzkörper- Einölung (Abhyanga) mit Sesamöl oder einem Vata reduzierenden Öl. Eine Fußmassage (Padabhyanga) oder Kopfmassage (Shiroabhyanga) sind ebenfalls völlig problemlos im häuslichen Bereich durchzuführen und von großer Wirksamkeit. Ölbehandlungen sind das Mittel der Wahl zur Vata-Reduzierung. Ein warmes Bad oder Dusche nach der Ölbehandlung erhöhen die Wirkung des Öls und fördern die Entspannung. Von großer Bedeutung sind meditative Übungen. Jeder Mensch sollte 1x täglich mindestens für 30 Minuten ganz mit sich allein sein, äußeren Einflüsse abgewandt, die Aufmerksamkeit nach innen gerichtet. Die Beobachtung der Atmung ohne Einflussnahme auf diese führt ebenfalls zu einer Beruhigung von Vata-Dosha. Ideal für den frühen Abend ist eine Mahlzeit die nicht nach 20.00 Uhr, aber mindestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen werden sollte. Sie sollte leicht verdaulich, warm , nicht zu scharf und trocken, aber leicht ölig sein. Es soll in Ruhe und mit ganzer Aufmerksamkeit gegessen werden. Trinken Sie warme Getränke ohne Kohlensäure, am besten gekochtes Wasser, ein halbes Glas vor dem Essen und ein halbes Glas nach dem Essen. Ein erholsamer Schlaf sollte den Tag beenden. Lesen Sie nicht im Bett und schauen kein Fernsehen direkt vor dem Schlafengehen. Ein kleiner ruhiger Spaziergang an der frischen Luft fördert den Schlaf. Trinken Sie vor dem Zubettgehen ein Glas warmes Wasser. Beenden Sie den Tag mit einer Retrospektive des Tages vom Zeitpunkt des Zubettgehens ohne über die Geschehnisse nachzudenken. Schauen Sie sich einfach nochmals an, was Sie am Tage erlebt haben. Diese einfachen Maßnahmen besänftigen den König der Doshas, Vata. die alles bewegende Lebensenergie hat im Übermaß eine zerstörende Wirkung, im Gleichgewicht ist es der lebenserhaltende Antrieb für ein aktives gesundes Leben.Gehen Sie möglichst vor 23.00 Uhr (19-23 Uhr Kapha-Zeit) schlafen und stehen Sie morgens früh (Vata-Zeit 4.00-7.00) auf. Die morgendliche Vata-Zeit ist die beste Zeit zum Aufstehen, die beste Zeit um mit Hilfe von Vata-Dosha mobil zu werden.


